Der alte Indianer saß am Feuer. Seine Haut glänzte golden. Sie war wie eine Landschaft, durchzogen von vielen kleinen Linien, Hügeln und Tälern.
Die schwarzen, funkelnden Augen lagen in tiefen Höhlen. Schneller Pfeil, der Enkelsohn, setzte sich zu seinem Großvater. Er hörte ihm gern zu. Doch man wusste nie, ob der Großvater auch zum Sprechen aufgelegt war. Manchmal sagte er stundenlang kein einziges Wort.
Schneller Pfeil schaute ins Feuer und wartete. Die dicken Holzscheite knackten in der Hitze und wurden von den hungrigen Flammen zum Glühen
gebracht. Plötzlich sagte der Großvater: „Mein Sohn, lerne, dich zu entscheiden.“ „Aber wie kann ich das lernen, Großvater“, fragte Schneller Pfeil.
„Indem du auf die zwei Wölfe achtest“, antwortete der alte Indianer. „Welche zwei Wölfe?“ fragte der Junge. „Die zwei Wölfe in dir drin.“ Der
Indianerjunge wunderte sich. Was sollte das schon wieder bedeuten? Er kannte nur die Wölfe in der Wildnis. „Bitte erklär es mir“, bat er. Der
Großvater nickte. „Pass auf, in jedem Menschen kämpfen zwei Wölfe, und jeder von ihnen will herrschen. Einer ist wild und rücksichtslos, er lässt
nicht zu, dass dir jemand weh tut oder dir etwas wegnimmt. Er passt auf dich auf und beißt zu, wo immer es geht. Der andere Wolf ist schlau, aber kein
guter Aufpasser. Er will Spaß haben, dazu gehören und gemocht werden. Es kümmert ihn nicht, ob dir etwas weh tut oder du etwas verlierst. Er macht alles mit.“
„Und welcher Wolf gewinnt?“ fragte der Enkelsohn. „Der, den man füttert“, antwortete der alte Indianer. „Und was soll ich nun tun?“ Schneller Pfeil fand, dass das ganz schön kompliziert war mit diesen Wölfen. Der alte Indianer schaute seinem Enkel tief in die Augen. „Du wirst es mit jeder
Entscheidung besser lernen, mein Sohn. Nutze deine Wölfe, aber füttere keinen so, dass er dich beherrscht.“

Written on November 16th, 2010 & filed under Poesie, Romantik & Co
LEAVE A COMMENT
Comment
CAPTCHA-Bild

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.